Die dunkle und die helle Seite: Weihnachten

Kaum ein anderes alljährliches Ereignis löst derartig gleichgeschaltete Reflexe aus, wie das Weihnachtsfest. Der Sog der Hoffnung, in Ruhe und Frieden das Jahr ausklingen zu lassen, vielleicht wieder zu sich selbst und etwas Liebe zu finden, ist wohl genauso stark wie der kollektiv generierte Druck aus Verhaltensmustern, Erwartungen und Konsum.

Ein Blick in Wikipedia verrät, daß die offizielle Version des Wortes Weihnachten noch keine 900 Jahre alt ist. Der Ausdruck der geweihten Nacht läßt uns automatisch an etwas heiliges, sakrales denken, wobei der Ursprung der Wortwurzel weih, wiha oder wi(c)h durchaus eine andere zeitgenössische Bedeutung gehabt hat. So wird z.B. die Nähe zum lateinischen victima, dem Opfer(tier) genannt. Das daraus geschaffene christliche Fest bezieht sich bekannterweise auf die Geburt Jesu, wobei es keinerlei biblische oder andere historische Belege für den 25. Dezember oder ein anderes Datum als Geburtstag gibt. Gefeiert wird die Inkarnation von Gottes Gnade.
Die Gestalt Jesus verkörpert Mitgefühl, ein wundersames heilerisches Talent, Autorität und einen heroischen Leidensweg für ein hohes Ideal. Die christliche Doktrin fokussiert die fleischgewordene Allmacht Gottes im Niederknien vor dieser Herrlichkeit. Heute versuchen wir, Liebe und Mitgefühl in diesen Tagen zu leben.
Im Bewußtsein, daß sich ein weiteres Jahr dem Ende zuneigt, kommt auch das Gefühl, „es wieder geschafft“ und sich eine Pause verdient zu haben. In den nördlichen Breiten wird es dunkel und kalt. Der Rückzug ans heimische Feuer steckt noch in den Genen. Die Familie (soweit vorhanden) kommt zusammen und verbringt mehr Zeit miteinander. Die Dunkelheit im Außen wird von vielen genutzt, um das Licht im Inneren zu suchen. Die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit erleichtert einen versöhnlichen Umgang.
Die alten (vorchristlichen) Bräuche feiern, meditieren und kontemplieren mit Schwitzhütten, großen Feuern und Ritualen die Wintersonnenwende. Geschenkt wird Aufmerksamkeit, sich selbst und dem Clan. Der Kult um beleuchtete Christbäume, Weihnachtsmänner im roten Gewand, Knecht Ruprecht, Rentiere an fliegenden Schlitten, Engelschar, Stern mit Schweif, Weise aus dem Morgenland und haufenweise Geschenke mit unendlicher Völlerei ist so vielschichtig zusammengewürfelt, daß man auch vor diesem Wunderwerk auf die Knie fallen könnte. Besonders der Brauch des behangenen Baums mit Geschenken ist wohl den leuchtenden Augen der Kinder der Kriegsgenerationen geschuldet. In diesem Licht betrachtet, ist es eine besondere Geste einem geliebten Menschen eine Freude zu machen. Spannend sind die Recherchen zum Weihnachtsmann. Erinnert er doch sehr an einen Fliegenpilz und schamanische Rituale, die eine enge Beziehung zum Rauch (Kamin) und „fliegenden“ Tieren haben.
In der christlichen Tradition war die Adventszeit eigentlich eine Buß- und Fastenzeit. Das Ende der Weihnachtszeit markiert der Sonntag (Taufe des Herrn) nach dem 6. Januar (Epiphanias). Hier im Alpengebiet gibt es noch den Oktavtag oder Ebenweihtag, acht Tage nach der Weihnacht.

Die wohl wichtigste Meldung an den Weihnachtsfeiertagen in Radio und Fernsehen ist die Statistik des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Im Jahr 2016 lautete die genugtuende Nachricht: „... eine Steigerung der Umsätze auf fast 90 Milliarden Euro in den Monaten November und Dezember.“1 Einige Branchen setzen in dieser Zeit mehr als ein Viertel des Jahresumsatzes um. Sieht man die gehetzten, fast ferngesteuerten Menschen in der Vorweihnachtszeit, mit Tüten bepackt, von Laden zu Laden rennen, getrieben von einem wahren Overkill an Reklame und neuesten Produkten, die nur auf diesen Stichtag gewartet haben, kommt zwangsweise die Frage auf, was das alles mit dem beworbenen „Fest der Liebe“ zu tun haben soll. Ist denn nur noch käufliche Liebe im globalisierten X-mas zu haben?
Jahr für Jahr hört man zu den Wirtschaftsnachrichten dann zudem von Tragödien, die sich am Weihnachtsfest abgespielt haben. Bitterböse Streitereien, Suizid, Mord und Totschlag zeugen von einem Ventil aufgestauter Gefühle. Ent-täuschung ist ein Weihnachtsgeschenk, das den Vorhang vor monatelangen Verdrängungen wegzieht und gnadenlos die Realität offenbahrt. Damit wird Weihnachten zum absurden Sahnehäubchen zivilisierten Miteinanders, indem dem Götzentier Kapitalismus gehuldigt wird und unsere tatsächliche Armut zutage kommt. Das gegenwärtige System ist auf immerwährendes Wachstum mit exponentiell zunehmenden Schulden gebaut, was gerade das Weihnachtsfest in ein grotesk ablaufendes Spiel verwandelt und auf den Kopf gedreht hat.
Ein weiterer Blick in Wikipedia läßt aufhorchen: „Im Jahr 1659 wurde in Massachusetts ein Gesetz verabschiedet, das das Feiern von Weihnachten unter Strafe stellte. [...] Nach Ansicht der reformierten Puritaner war das Geburtsdatum Jesu in den Schriften der Bibel nicht genannt, Weihnachten selbst galt als heidnisches Fest.“ Aus der Idee, die Geburt Jesu, als Heiland und Erlöser, zu feiern und besonders auch in innerer Einkehr zu bedenken, ist ein grandioser Misch-Masch unterschiedlichster Kultur- und epochaler Einflüsse geworden. Alles was zweckdienlich ist, den christlichen Kult über „Heidnisches“ zu stülpen, wurde assimiliert und ausgestopft. Die Krone setzt dem Ganzen der moderne globalistische Kapitalismus auf, indem aus allem ein Maximum an Profit geschlagen werden kann. So ist auch die durchschnittliche Lebenserwartung eines Weihnachtsspielzeugs laut Marketing-Manager etwa 6 Minuten. Aus der Fastenzeit des Advents wurde der Run auf Weihnachtsmärkte mit Würstchenbuden und Suff am Glühweinstand. Aus dankbaren, heilsamen Naturritualen wurde Schuheputzen für den Mann in rot. Wann kommt der nun eigentlich? Am 6. oder 24. oder 25. Dezember? Aus innerer Einkehr wurde Geschenkliste abhaken. Aus „Lobet den Herrn an jedem Tag“ wurden vollgestopfte Kirchen zur X-Mess mit 1/365 Christen. Aus dem Zauber der Rauhnächte wurde bei Völlerei das Ansaufen eines Rausches, um diesen dann auszuschlafen. Aus Besinnlichkeit und Familienpflege wurde GPS-getimte Verwandtschaftswallfahrt mit Geschenketausch.
Was würde Jesus dazu sagen?

1 https://de.statista.com/themen/246/weihnachten/

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