Windeln, Binden & Co

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Das Problem besteht seit langer Zeit. Wie hält man seinen Nachwuchs sauber, bis dieser gelernt hat seine Geschäfte zu verrichten? Welche Möglichkeiten stehen einem zur Verfügung, wenn‘s im Alter nicht mehr so klappt? Wie geht Mann mit der Harninkontinenz nach einer Prostata-OP, oder Frau mit den ca. 500 Regelblutungen in ihrem Leben um? Die Fragen brennen heutzutage nicht mehr so unter den Nägeln, da es reichlich Angebote an Hygieneartikeln gibt. Längst ist es zur Normalität geworden Windelpakete, Tampons und Binden als Wegwerfartikel beim Drogeriemarkt einzukaufen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Das Wichtigste, die Kosten sind überschaubar, zudem muss man sich nach dem Gebrauch nicht weiter darum kümmern. Der moderne Hygienestandard hat unser Leben komfortabler gemacht. Religiöse, bzw. patriarchalische Ansichten zur Menstruation, oder der Rollenverteilung, wenn‘s ums Wickeln geht, haben sich weitestgehend relativiert.
Betrachtet man die Geschichte, fällt schnell auf, dass die Entwicklung zum modernen Wegwerfprodukt gar nicht so lange her ist. Als Erfinderin der Einmalwindel wird Marion Donovan1 erwähnt, die aber nie großen Profit daraus hat schlagen können. Erst die Procter & Gamble-Marke „Pampers“ schaffte den kommerziellen Durchbruch in den frühen 60ern. Zuvor waren es wiederverwendbare Stoffe, die durch Waschen/Auskochen im Kreislauf gehalten wurden. Das gilt für alle angesprochenen Hygienemaßnahmen. So eigenartig es für den umtrainierten modernen Menschen klingen mag, die Dinge waren damals noch in einem natürlichen Fluß - im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Frauen berichten darüber, besonders nach der Umstellung von Tampons auf Binden, oder der Menstruationstasse (Mooncup®). Dasselbe gilt für Kleinkinder, die mit Stoffwindeln gewickelt werden. Naturstoffe lassen ein besseres Klima im Feuchtbereich entstehen. Die Haut reagiert angemessener auf die Zeit
bis zur Harn- und Stuhlkontrolle. Das Kind merkt die Feuchtigkeit, die nicht einfach künstlich weggesaugt wird. Es wird dadurch viel früher den eigenen Drang kontrollieren lernen. Berichte, dass Stoffwindel-Kinder lange vor dem zweiten Geburtstag „sauber“ werden, sind nicht selten. Moderne Mehrwegwindeln sind nicht mehr gleichzusetzen mit Mulltücher und Windelklammer, obwohl diese gerade im Sommer - wenn überhaupt - eine luftige Alternative bieten. Und mit unruhigen Nächten, wie uns die Industrie das Glauben lassen möchte, hat das nichts zu tun. Vom Aufbau her ähneln moderne Stoffwindeln den Einmalwindeln. Eine wasserdichte, luftdurchlässige dünne Überhose (PUL/Wolle) umschließt die Saugeinlage, die meist aus Öko-Naturstoffen, wie Baumwolle, Bambus, oder Hanf besteht. Der Verschluss geht einfach über Druckknöpfe, oder Klett. Der nachhaltige Charakter wird von der Abfallwirtschaft der Kommunen (ZAK) mit Zuschüssen unterstützt. Bei einem Einzelkind fallen etwa einmalig 200,-€ Anschaffungskosten an, von denen ca. 50,-€- bezuschußt werden.

Dem jahrtausende alten Konzept der Wiederverwendung steht das unbedachte Wegwerfsystem gegenüber, das sich in den letzten 50 Jahren durch geschickte Marktstrategien eingebürgert hat. Besonders der Gedanke an die Umwelt ist dabei scheinbar völlig verloren gegangen. Mülleimer auf, Mülleimer zu - vom Gestank darin ganz zu schweigen. Der Müllberg wächst. Ein Kind braucht etwa 6.000 - 10.000 Windeln. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland 677.947 Lebendgeborene erfasst. Das macht bei 8.000 Windeln pro Kind 5.423.576.000 Einwegwindeln allein für dieses Geburtsjahr. In Nordamerika kommen ca. 4.791.000 jährlich zur Welt. Zum Vergleich: 38.328.000.000 Windeln pro Jahrgang. Europa und USA gehören dabei zu den Geburtenschwächsten der Welt. Was für ein Markt! Eine Plastikwindel braucht geschätzte 400 Jahre um zu verrotten. Greenpeace berichtete zuletzt: „6,4 Mio. Tonnen Plastikmüll landen nach Schätzungen jährlich im Meer, genau weiß das niemand.“ Tiere fressen es und verenden qualvoll und „Bioplastik ist zurzeit noch reine Augenwischerei“, heißt es außerdem. Kleinste Bestandteile findet man in den abgelegensten Orten der Erde und zuletzt über die Nahrungskette in uns selbst. Problembestandteile der Windeln sind Polyethylen (PE) und die sog. Superabsorber (Polymersalze), sowie Zusätze wie Vaseline, Stearylalkohol, dünnflüssige Paraffine, etc. Große Hersteller für Superabsorber sind unter anderem die BASF SE, Evonik, oder Nippon Shokubai. Große Superabsorberabnehmer sind z. B. Procter & Gamble, Kimberly-Clark, Attends Healthcare Group oder SCA, in Deutschland Paul Hartmann AG und ONTEX GmbH. Auf Seite der Einweg-Binden und Tampons fallen Billig-Baumwolle und Viskose ins Gewicht. Die in Monokulturen angebaute Baumwolle ist stark Pestizid belastet und wird für Lagerung und Transport mit weiteren Chemikalien präpariert. Zudem wirken gerade Tampons sehr austrocknend auf die Schleimhaut. Der Chemiecocktail belastet zusätzlich. Reinweiß für den Einmalgebrauch versucht man aufkommenden Irritationen über die Beigabe von Probiotika, oder Salben entgegen zu wirken. Auch hier gibt es Alternativen, z.B. Stoffbinden. Einmalwindel-Kinder brauchen meist länger bis sie ein Kontrollgefühl entwickeln. Es gibt nicht selten Windelträger bis zur Einschulung. Im hermetischen Plastikbeutel muss man bei Jungen acht geben wegen der Hitzeentwicklung (Spermatogenese). Außerdem werden in diesem Milieu Pilzbefall und Windeldermatitis zum Problem. Auf Plastik finden sich vermehrt Erreger, die unserer Gesundheit nicht zuträglich sind.

1 www.women-inventors.com/Marion-Donovan.asp

Quellen: „Wickeln, Windeln, wegwerfen“, www.arte.de; papa-online.com/wie-man-bis-zu-1-500-e-beim-pamperskauf-spart/; www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung2/Pdf-Anlagen/Geburten-und-geburtenverhalten-in-D,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf; http://de.globometer.com/geburt-usa.php; Greenpeace Nachrichten 01 2015 „Leben im Plastozän“, www.keosk.de/read/d5nXQ0b7Hbb2I/epaper-Greenpeace_Nachrichten_1_2015?page=44; https://de.wikipedia.org/wiki/Windel

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