Die Natur lebt es vor

Eigentlich ein komischer Titel. Zeugt er doch davon, wie sich der Mensch weitgehend von der Natur entfernt hat. Rückbesinnung und bewußtes Wahrnehmen gibt uns jedoch wieder praktische Orientierung in einer Welt, in der die Fiktion in unseren Köpfen zum Kerker und offenbar wird, auf welchem Holzweg wir uns befinden.

Im Alltag, zumal mit vielen Kindern, mit Broterwerb und multifiktionalem Streß, kommt man kaum zur Besinnung. Gelegenheit zur Kontemplation ist rar. Was mache ich da eigentlich die ganze Zeit, und wofür?
Nun, die Idee zu diesem Artikel kam mir, als unsere gerade mal eineinhalb jährige Katze Junge bekommen hat. Dies zu beobachten, war eine einfache Loslösung aus dem Gewohnten und Einblick in eine natürliche Ordnung.

In Vorbereitung

Bereits Wochen vor der Geburt bemerkten wir eine Veränderung bei ihr. Bevor der Bauch merklich dicker wurde und prallere Zitzen beim Kraulen auffielen, war die Katze verschmuster als sonst, suchte ruhigere Plätze und entwickelte eine Art Nestbautrieb. Ähnliches Verhalten kann man bei anderen Tierarten beobachten. Eifrig wird gebastelt, gegraben und gepolstert. Alles wird für die Ankunft eines neuen Erdenbewohners vorbereitet. Um hier den Blick für das Wesentliche zu schärfen, sei daran erinnert, daß dieses sich auf Nahrung, Sicherheit und einen gehörigen Wohlfühlfaktor beschränkt. Ich kenne kein Tier, das (artifizielles) Spielzeug anschleppt oder ein gesondertes Kinderzimmer baut, um das Kleine umgehend wieder loszuwerden. Im Vordergrund steht die Mutterwärme (selbst bei einigen Reptilien).
Als es auf die Geburt zuging (ein Termin stand nicht fest!), fiel der dicke Babybauch deutlich auf. Die Katze bewegte sich schwerfälliger, ließ sich jedoch nicht davon abhalten, auf Bäume zu klettern, zu jagen und den Weg in die Wohnung über die Hauswand zu suchen. Selbst ohne Ultraschall und andere „Routineuntersuchungen“ war klar, daß es ihr gut ging. Läuft etwas nicht optimal, so zeigt dies die Natur sofort. Pflanzen welken, Tiere suchen ruhige Kraftplätze zur Regenerierung, und Wind und Wetter gleichen sich in Stürmen etc. aus.

Geburt

Ich war gerade dabei, unsere Kinder ins Bett zu bringen, da bemerkte ich das kleine Wunder, das sich in unserem Flur abspielte. Ganz ohne PDA, Wehenschreiber, Aufklärung und Risikoberatung zur Mehrlingsgeburt gebar die Katze ihr erstes Baby. Wie mir von bewußt gebärenden Müttern mitgeteilt wurde, ist Geburt Bewegung. Genau das konnte man hier beobachten. Kein festgeschnalltes Liegen auf dem Rücken, sondern arbeitende Wehen in Ganzkörperbewegung – im Englischen noch treffend mit „labour“ bezeichnet. In ihren Augen konnte man die körpereigenen Drogen wirken sehen. Da war keine Panik. Ich meinte, die starke Anforderung und den Schmerz wohlgebettet in Urvertrauen in ihren geweiteten Augen zu erkennen. Nach und nach traten insgesamt vier Stubentiger ans Licht der Erde, mit Erholungspausen bis zu etwa einer halben Stunde. Meine Aufgabe, als zufällige Hebamme vor Ort, bestand nur darin, die neue Familie in der ersten Wehenpause vom kühlen Fußboden in ihr bereitetes Körbchen zu heben.
Für unser Auge sicherlich nicht unbedingt geschmackvoll, begann sie, jeden Ankömmling sofort sauber zu schlecken. Und nicht nur das. Alle Geburtsausscheidungen wurden restlos aufgegessen. Ich hörte dazu fast schon die Dokumentarfilmstimme: „Die Mutter schützt so ihre Jungen davor, von anderen Räubern entdeckt zu werden...“ Ob sie das auch weiß? Mag ja sein, daß hinter diesem (genetisch programmierten) Verhalten auch so etwas steckt. Was mittlerweile (wieder) bei einigen Geburten angewendet wird, ist tatsächlich der Verzehr eines kleinen Stücks der Plazenta, bzw. die homöopathische Aufbereitung derselben in potenzierten Globuli. Der darin konzentrierte Hormoncocktail, bzw. dessen Information, gibt der Mutter entsprechendes Biofeedback für den Abschluß der Geburt, das Wochenbett und die Rückbildung.

Entbehrungsreiche Zeit

Was nun folgt, ist absolut faszinierend. Weit über die Grenzen der Säugetiere hinaus steht der Nachwuchs im Mittelpunkt aller Bemühungen. Besonders die erste Zeit, bis zum Flüggewerden, reißen sich die Eltern, respektive die Mutter, das sprichwörtliche Bein aus. Betrachten wir das Stillen genauer, vergessen dabei aber nicht auch das rege Treiben z.B. der Vögel:
„Ein Blauwalkalb trinkt bis zu 190 Liter Milch am Tag und nimmt pro Stunde etwa 3,6 kg zu, oder fast 90 kg am Tag.“ Was das Kind zunimmt, verliert mindestens die Mutter. Bei den meisten Spezies sorgen körpereigene Reserven in der ersten Zeit für den stabilen Haushalt. Eisbärenmütter verlassen mit ihren Kindern erst nach Monaten(!) klapperdürr den Unterschlupf. Unsere Katze hat während der ersten Tage keine Anstalten gemacht, ihr Nest zu verlassen. Die Mahlzeit „ans Bett“ hat sie sichtlich genossen, hätte aber ohne Frage darauf verzichtet, wenn mensch sich nicht erbarmt hätte.
Milch ist für uns ein Universalbegriff für in plastik-kartongemisch-abgepackte weiße Plörre geworden. Dabei ist Milch der Ausdruck mütterlicher Liebe und Nahrung und bei jedem Säuger individuell in der Zusammensetzung und Information. Sie entspricht den Bedürfnissen des Nachwuchses hinsichtlich idealer Nährstoffzufuhr und darüber hinaus der immunologischen Abwehrlage. Dies ist so feinabgestimmt, daß kein anderes Tier auf die Idee käme, diese ersetzen zu wollen. Künstliche Milch, so pre-pro-HA-biotisch sie auch sein mag, kann das Original niemals erreichen. Dazu kommt noch Mammabusen versus (Plastik-)Flasche – keine Frage! Ich habe tatsächlich schon mitbekommen, daß Mutter das Stillen ablehnt, damit Papa nachts Fläschchen geben muß, obwohl er tagsüber tonnenschwere Maschinen führt. So etwas ist Geschmackssache, und jeder sollte freie Entscheidungsgewalt über seine Angelegenheiten haben, aus dem Blickwinkel der Überschrift ist es jedoch sinnfrei.
An dieser Stelle möchte ich die Reflexion noch etwas ausweiten. Beobachten wir den Garten, die Wiesen und Wälder im Jahreslauf. Die allumfassende Mutter Natur beschenkt uns mit einer wahren Fülle an Leckereien. Sie gibt. Selbstlos.
Diese selbstlose Liebe ist natürlich nicht nur dem Weib vorbehalten. Mann tut gut daran, sie ebenfalls zu kultivieren.

Streß

Wer gehegt und gepflegt wird, wächst, gedeiht und kommt in den Genuß, seinen eigenen Willen zu entdecken. Sobald die kleinen Kätzchen den Mut aufbringen, den schützenden Unterschlupf zu verlassen, kann man auch beobachten, wie zunehmend gerauft wird. Das schließt Mama mit ein. Training, Spiel und Spaß. Aber auch erste Anzeichen von „Brauche meinen Freiraum“, „Das ist mein Platz“, „Geh mir von der Titte“. Spätestens wenn Hormone in der Pubertät ins Spiel kommen, kann aus dem Streit auch mal ein Kampf werden.
Was bleibt, ist, sich aus dem Weg zu gehen und/oder die Hierarchie z.B. unter (gleichaltrigen) Geschwistern zu klären. Es darf gefaucht, gebrüllt, Krallen gewetzt und Hörner (ab)gestoßen werden. Am Napf oder auf dem Kuschelsofa genießt man wieder dicht an dicht.

Also, wofür mach ich das eigentlich?
Für das Natürlichste der Erde. Aus Liebe zur Familie.
Ich möchte sie in Freiheit und Frieden aufwachsen sehen und wünsche ein Ende aller unnatürlicher Zwänge und Fiktionen.

©2019 Hans Christian Hinne. Gestaltet mit

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