Tantra - Shiva und Shakti

Om namaha SHIVAYA Mata Rani Ki - JAY

Unser Bewußtsein ist in einer dualen Welt gefangen. Wie kann man das Männliche erklären, ohne an das Weibliche zu denken - und umgekehrt? Wie Energie, ohne Materie? Im ewigen Zwiespalt der Gegensätze ist es nur natürlich menschlich, die Einheit zu suchen. Anspruch auf den alleinigen Gott erheben „zivilisierte“ Religionen dabei ganz gerne. „Natur“-Religionen, bzw. tiefe spirituelle Urgründe versteifen sich nicht auf den einen oder anderen Namen. Symbole, Vorstellungen und Bilder sind nur Krücken für den menschlichen Geist, bis er lernt zu fliegen.

Von Sonn‘ und Welten weiß ich nichts zu sagen, Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen. Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Ein wenig besser würd er leben, Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennt‘s Vernunft und braucht‘s allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein. (MEPHISTOPHELES in Goethes Faust; Prolog im Himmel)

OM namaha SHIVAYA

Das bekannte Mantra lässt sich mit „OM ich verneige mich vor SHIVA“ übersetzen und drückt die spirituelle Demutshaltung aus. Wer dieses Mantra eine Millionen mal wiederholt, soll augenblicklich die Erleuchtung finden!
Man kann davon ausgehen, daß die ursprünglichste Form mehrere Tausend Jahre alt ist und in der Anschauung weibliche und männliche Aspekte vereinte. Erst im Laufe der geschichtlichen Entwicklung, und damit auch der geistigen Wahrnehmung der Menschheit hat sich die Einheit in immer weitere Einzelaspekte aufgeteilt. Shiva ist in diesem Kontext die männliche Energie, die oft als passiv, insich- gekehrt und materiell dargestellt wird. Unsere Sprache entlehnt dem Lateinischen und Griechischen „mater“, die Mutter (Materie, Material, Matrize etc.). Es ist offensichtlich, daß kulturelle Hintergründe das Verständnis prägen.
Wer sich von den Bildern und Mythen beeindrucken lassen möchte, wird eine spannende, einleuchtende und farbenfrohe Reise antreten. Auf seinem Tigerfell meditierend, von Schlangen umwunden und mit dem Dreizack in der einen Hand, ist Shiva eine schnell erkennbare Figur zugeordnet. Jede Geste, als Mudra bezeichnet, jede dargestellte Symbolik und begleitendes Tier deutet einen bestimmten göttlichen Aspekt an. Man findet z.B. oft ein Wasserstrahl, der den Ursprung des
Ganges darstellt. Die ganze Pracht erscheint, wenn man den analytischen Verstand und sein erworbenes Wissen ausschaltet und sich dem Symbol in Meditation hingibt.
In seiner einfachsten Form wird Shiva als Lingam verehrt. Ein phallusähnlicher Stein, aufgerichtet in der Yoni, einer vaginaähnlichen, ovalen Schale. Eine Geschichte besagt, daß Shiva als Asket so lange und tief meditiert hat, daß sein Samen als ultraheißer Vulkan drohte, die Welt zu vernichten. In unendlicher Liebe zur Schöpfung soll sich Shakti auf seinen Schoß gesetzt und die Hitze in sich aufgenommen haben. In ritueller Verehrung wird ein Gemisch aus Milch und Honig (Amrita) vielfach über den Lingam gegoßen, während ein Mantra rezitiert wird.

Mata Rani Ki - JAY

„Sieg/Glorie der göttlichen Mutter“. Shakti steht hier für weibliche, aktive Urkraft. Nachdem sich aus dem Ursymbol männliches und weibliches abgespaltet hatte, formten sich schnell vielfache Gestalten, die bestimmte Aspekte des göttlichen repräsentieren. Shakti ist so gesehen die Urmutter. An der Seite von Shiva, dem Zerstörer und Erlöser, findet man Parvati. Diese wiederum kann als sanfte Gattin Uma oder als Kriegerin Durga auftreten.
Weitere Formen Shaktis in der Trimurti1:

  • Brahma (Schöpfer/Vergeber): Sarasvati, als Göttin der Kunst und Wissenschaft.
  • Vishnu (Erhalter/Verwandler): Lakshmi, als Göttin des Glücks, Reichtums und der Schönheit.

Devi, die Göttin, oder auch Mahadevi, die große Göttin, ist eine weitere Gestalt der Shakti. Sie verkörpern meist den mütterlichen, bewahrenden Aspekt mit viel Sanftmut und Reichtum. Neben der Kriegerin Durga tritt besonders Kali (die Dunkle) aus diesen Reihen hervor. Ihr Ruf als Zerstörerin und Todbringerin eilt ihr voraus. Dies beinhaltet jedoch auch die Erneuerung, zumal sich ihre Wut gegen Ungerechtigkeit und Dämonen richtet. Als Kalima, die dunkle Mutter, wird sie gerne angerufen, da sie bekannt dafür ist, Wünsche zu erfüllen und sie sorgt für ihre Kinder. Übrigens kennt auch die westliche Kultur diese Mutter, in Form der schwarzen Madonna. Das kirchlich gepflegte, einseitige Weltbild hat sie leider weitgehend aus dem Bewußtsein entfernt.
Im Mythos kam es zu einer weltweiten Schlacht. Menschliche Ungerechtigkeit, angeführt von Dämonen, drohte alles zu vereinnahmen, worauf sich Kali in Wut in den Kampf stürzte. Mit tausend Armen und tausend Waffen sorgte sie im Blutrausch für die Zerstörung allen Übels. Um die Welt vor der kompletten Vernichtung zu retten, legte sich Shiva totengleich auf das Schlachtfeld. Als Kali auf ihn trat, kam sie zur Besinnung und ward augenblicklich ruhig.

Tantra

Im westlichen Bewußtsein sind besondere Sex-Praktiken mit Tantra assoziiert. Der tantrische Buddhismus lehrt jedoch Erfahrung der Einheit von Glückseligkeit und Leerheit2. Der körperliche Akt steht dabei nicht im Vordergrund. Auch hier sind Meditation, Visualisierung und Rezitation von Mantren die wichtigste Praxis. Als fühlende Wesen nehmen wir, anders als erleuchtete Wesen, die Welt als von uns selbst getrennt wahr. Daraus entsteht „Ich“ und „Du“, mit allen bekannten Verstrickungen.
Die Lehre des indischen Tantra benennt körperliche Sinnesreize und bezieht diese Erfahrung mit ein. Grundvoraussetzung ist die Schulung des Geistes, um den weltlichen Anhaftungen nicht zu erliegen. Sexuelle Praktiken, die die Illusion der „fleischlichen Einheit“ transzendieren sollen, sind für Fortgeschrittene und haben außer dem offensichtlichen Akt nicht viel mit Alltags-Sex zu tun.
Es bleibt die Sehnsucht nach Einheit und das verworrene Spiel, diese zu erlangen. Zum Glück gibt es Momente in der dualen Welt, die einen Einblick gewähren. Und selten ist die weltliche Erfahrung erhebender, als in harmonischer Vereinigung von Mann und Frau.

Vieles lehrte ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte, geschmeidige Hand. Ihn, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu neigte, sich blindlings und unersättlich in die Lust zu stürzen wie ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, daß man Lust nicht nehmen kann, ohne Lust zu geben, und daß jede Gebärde, jedes Streicheln, jede Berührung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des Körpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Glück bereitet. (Hermann Hesse, Siddhartha)

1 Dreiheit von Brahma, Vishnu und Shiva
2 Der Buddhismus besagt, die diesseitige Erfahrung, Leben, ist leid. Glück ist als Abwesenheit von Leid definiert.

©2019 Hans Christian Hinne. Gestaltet mit

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